Ambient Assisted Living (AAL) - für mehr Sicherheit und einen unabhängigen Lebensstil

Im Interview: Ludovic Stauffer, Technischer Direktor der TeleAlarm Gruppe

 
» In zehn bis 15 Jahren wird es eine Rekordzahl an pflegebedürftigen, älteren Menschen geben und gleichzeitig werden wir immer weniger junge Pflegekräfte haben. Werden sich allein schon wegen dieser demografischen Entwicklung „Ambient Assisted Living“ (AAL)-Systeme am Markt durchsetzen?

 
Wie Sie bereits in Ihrer Frage implementiert haben, zeigt der Trend, dass die Menschen heute immer älter werden und natürlich möglichst lange in ihrem eigenen Zuhause wohnen möchten. Hinzu kommen die steigenden Kosten, die für das Gesundheitswesen eine große Herausforderung darstellen.

 
Ein Mangel an Pflegepersonal sowie der Mangel an freien Plätzen in Pflegeheimen erschweren ebenfalls die Situation. Es ist kein neues Phänomen, dass der demographische Wandel das Gesundheitswesen auf den Kopf stellt. Betrachtet man es aus einem anderen Blickwinkel wird schnell klar, dass ein Pflegeheim die Nähe zum eigenen Zuhause und der Familie nicht ersetzen kann. Das wirkt sich auf die gesamte Gesundheit aus.

 
Wie diverse Studien belegen, werden kranke Menschen im Kreise ihrer Liebsten viel schneller gesund. Genau hier setzen AAL-Systeme an. Sie ermöglichen den Betroffenen ein selbstständiges und sicheres Leben in ihrem gewohnten Umfeld. Deshalb denke ich, dass sich aus diesem Bedürfnis heraus AAL-Systeme auch weiter durchsetzen werden und die Akzeptanz gegenüber solchen Lösungen in der Gesellschaft stetig steigt.

 Ludovic Stauffer, Technischer Direktor der TeleAlarm Gruppe

» Kosten sparen ist im Gesundheitswesen immer wieder ein großes Thema: Ist es notwendig, die ältere Generation mit AAL-Lösungen in ihrem privaten Umfeld, aufgrund der hohen Kosten für Krankenhausaufenthalte, zu unterstützen?

 
Die steigenden Kosten im Gesundheitswesen tragen dazu bei, dass AAL-Systeme immer häufiger gebraucht werden. Hier spielen hauptsächlich zwei Faktoren eine Rolle, zum einen „Geld“ und zum anderen das „Wohlbefinden“ der Menschen selbst. Das bedeutet, dass auch die emotionale Ebene in dieser Diskussion nicht außer Acht gelassen werden darf. Denn nicht nur der Betroffene, sondern auch Familie und Angehörige sehen sich immer häufiger mit der Situation konfrontiert, Lösungen zu finden, die langfristig ein selbstständiges Leben ermöglichen. Sicherheit hat dabei natürlich oberste Priorität. AAL-Systeme können an dieser Schnittstelle unterstützend eingreifen.

 
» Wie sehen Sie die Verantwortung der Hersteller von AAL-Systemen, die Preise niedrig zu halten?

 

 
Hier lässt sich leider keine pauschale Aussage treffen, man muss den Gesamtzusammenhang für das Gesundheitssystem betrachten. Dann wird schnell klar, dass an dieser Sache weitaus mehr Parteien beteiligt sind als nur der Hersteller. Letztendlich sollte aber nicht das Geld, sondern der Anspruch verlässliche und sichere Produkte herzustellen, im Fokus stehen. Wir wollen unseren Kunden Lösungen anbieten, die sie in ihrem Verhalten und ihrer Umgebung so wenig wie möglich beeinflussen und gleichzeitig ihre Privatsphäre schützen.

 
» Heutzutage wollen die Krankenkassen oft die hohen Kosten der AAL-Systeme nicht alleine tragen. Doch wie verhält es sich mit der Finanzierung?

 
Die Kosten im Gesundheitswesen niedrig zu halten wird auch in naher Zukunft immer schwieriger. Denn die „demographische Explosion“, also das Wachstum einer bestimmten Altersgruppe und deren steigende Erwartung an ein gutes Leben und mehr Lebensqualität, ist eine große Herausforderung. Das ist aber kein länderspezifisches Phänomen, sondern global gesehen überall gleich. Um Kosten zu senken, müssen die Kassen diese zum Teil auf den Verbraucher umlegen. Was heute schon zum Standard zählt, sind diverse Bonusprogramme, mit denen die Kassen ihre Kunden locken und so ein bestimmtes Verhalten erreichen. Hinzu kommen Rabatte, die der Versicherte erhält, wenn er Medikamente einer bestimmten Marke kauft oder zu einem vorausgewählten Arzt geht. Solche Anwendungen durchdringen das Gesundheitssystem und werden auch im Bereich AAL eine immer wichtigere Rolle spielen.

 
» Die ärztliche Versorgung insbesondere in ländlichen Regionen und der Fachkräftemangel in der Pflege stellen schon heute Herausforderungen für das Sozial- und Gesundheitswesen dar. Welche Chancen sehen Sie, dass hier AAL-Systeme einspringen?

 
Natürlich können AAL-Systeme hier eingreifen – bis zu einem bestimmten Punkt. Denn der persönliche Kontakt, die Interaktion zwischen Menschen, kann dadurch nicht aufgewogen werden. Die Systeme erleichtern aber die Arbeit der Pflegerschaft ungemein. So können Krankenbesuche besser koordiniert und geplant sowie administrative Prozesse vereinfacht werden. In Regionen, in denen Pflegedienste viele Kilometer zum nächsten Patienten auf sich nehmen müssen, ist eine gewisse Balance aus innovativen Lösungen und tatsächlicher Interaktion notwendig.

 
» Inwieweit fassen Sie auch das Smart Home mit unter den Begriff AAL?

 
Die Verschmelzung von „AAL“ und „Smart Home“ ist heute schon Wirklichkeit und wird immer komplexer. Es gibt hier keine klare Abgrenzung. Smart Home ist zurzeit ein sehr trendiger Begriff, dient aber nicht nur dem Zweck, Ihnen zu sagen, wann Ihre Milch leer ist oder Ihr Badewasser die richtige Temperatur erreicht hat. Sie müssen es aus einem anderen Blickwinkel betrachten - aus dem der Automation und dem der Sicherheit. Diese beiden Aspekte werden durch AAL-Systeme miteinander verknüpft und weisen enge Synergien auf. Das ist heute schon so und wird sich auch in Zukunft weiter behaupten.

 
» Misstrauen gegenüber AAL-Systemen - sehen Sie als Hersteller eine Gefahr von Kontrollverlust für Anwender? Wie können Sie dem entgegenwirken?

 
Das ist ein Punkt, der viele Fragen aufwirft. Wir als Hersteller tun alles, was in unserer Macht steht, um ein System anzubieten, das sicher ist und einfach zu bedienen. Der Mehrwert für den Kunden steht absolut im Fokus. Ich denke, dass das Misstrauen durch das Gefühl ständiger Überwachung und der Angst, sensible Daten von sich preiszugeben, bestärkt wird.

 
Unsere Produkte sind darauf ausgerichtet, flexibel an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden zu können. Das heißt, der Verbraucher entscheidet selbst, was und wie viel er von sich preisgibt. Die Daten werden auch nicht an Google oder andere Dienste weiter übermittelt, sondern bleiben beim Hersteller. Kommunikation ist der Schlüssel. Nur so kann man das Misstrauen der Menschen in Vertrauen umwandeln, wenn man offen mit ihnen spricht und ihre Ängste ernst nimmt.

 
» Wie wird sich durch die allgegenwärtigen Assistenzsysteme unsere Vorstellung von Privatheit ändern? Denken Sie, dass das auch eine Frage der jeweiligen Generation ist?

 
Transparenz ist der Schlüssel. Ich denke nicht, dass sich das Verständnis von Privatheit von Generation zu Generation wirklich unterscheidet. Denn auch junge Leute sind skeptisch und hinterfragen das System. Das liegt natürlich auch daran, dass sie viel besser aufgeklärt sind. Noch nie war das Thema Datenschutz so omnipräsent wie heute.