Der Mensch und die Digitalisierung – eine unterschätzte Herausforderung

Im Interview: Dr. Jens Katzek,
Geschäftsführer der Automotive Cluster Ostdeutschland GmbH

 

» In puncto Digitalisierung ist die Automobilindustrie eine der innovativsten und fortschrittlichsten Branchen. Welche Neuheiten und Zukunftstrends erwarten Sie?

 
Ein großer Trend ist Flexibilität: Mehr Flexibilität, beispielsweise durch Carsharing – oder auch durch die Kombination aus Carsharing und Öffentlichem Verkehr. Sobald es für Anbieter und Nutzer einfacher wird, beispielsweise in Bezug auf die Abrechnungsmodalitäten, werden sich aus meiner Sicht noch einmal starke Veränderungen in der Branche ergeben und neue Geschäftsfelder hinzukommen. Spannend ist in diesem Zusammenhang auch die weitere Entwicklung bei Taxidiensten wie Uber. Hier sind auf Grundlage der Verknüpfungen verschiedener Akteure im Bereich der Mobilität deutliche Neuerungen zu erwarten.

» Die Digitalisierung der Industrie eröffnet allein für Deutschland bis 2025 ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von 425 Milliarden Euro laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Welche Branchen werden neben der Automobilindustrie davon noch profitieren?

 

Wenn man zunächst die reinen Technikberufe betrachtet, so ist in allen Branchen, in denen Maschinen oder Roboter eine Rolle spielen auch das Thema Digitalisierung hoch relevant. Das ist nicht nur im Bereich der Automobilindustrie so, sondern eben auch in fast allen anderen produzierenden Bereichen. Nehmen wir den Baubereich: Selbst da spielt Digitalisierung eine zunehmende Rolle. Wie gestaltet man zum Beispiel Parkhäuser, damit automatisiertes Parken möglich wird? Dafür müssen die entsprechenden neuen Infrastrukturen geschaffen werden und diese bieten natürlich Wertschöpfungspotenziale.

 

Doch die Digitalisierung schafft auch komplett neue Arbeitsfelder. Digitale Dienstleistungen sind ein riesiger Markt: Neue Dienstleistungen entstehen, bestehende Dienstleistungen werden weiterentwickelt.

 

 

Interessant ist beispielsweise, wie sich Werbung in den letzten Jahren durch die Digitalisierung verändert hat und sich auch in Zukunft noch verändern wird. Da ist sehr viel Bewegung. Digitalisierung betrifft also nicht nur Industrie 4.0 – faktisch hat das Thema auf alle Branchen Einfluss.

 
» Sie haben recht: Häufig wird mit der Digitalisierung speziell der Begriff „Industrie 4.0“ verbunden. Was sind die häufigsten Missverständnisse, wenn es um Industrie 4.0 geht? Oder: Was ist Industrie 4.0 richtig verstanden?

 
Nun ja, Industrie 4.0 richtig verstanden ist für mich die „verstärkte Bewegung von Daten“. Gemeint sind Produktionsdaten. Es werden aber nicht nur mehr Produktionsdaten erhoben – es gibt auch eine stärkere Verknüpfung dieser Daten über die Wertschöpfungskette hinweg. Durch die Analyse dieser Daten können Prozesse optimiert, die Qualitätssicherung perfektioniert, aber auch bessere Vorhersagen, beispielsweise im Rahmen des Risikomanagements, getroffen werden. Das verbinde ich mit dem Thema Industrie 4.0.

 
» Weitere prägnante Stichworte rund um die Digitalisierung sind „Smart Homes“, „Smart Cars“, „Smart Cities“ – welchen Nutzen haben all diese „smarten“ Technologien für die Gesellschaft? Würden Sie sich wirklich auf bloße Technik verlassen?

 
Ich habe da keine Skepsis. Und ich bin der festen Überzeugung, dass sich eine smarte Technologie, egal in welchem Bereich, genau dann durchsetzen wird, wenn sie für den Verbraucher einen Mehrwert bereithält. Das ist relativ einfach: Niemand ist dazu bereit, viel Geld und Zeit zu investieren, wenn eine Sache letztendlich keinen Nutzen oder Mehrwert bietet.

 

» Bei vielen Bürgerinnen und Bürgern ist Digitalisierung jedoch häufig mit einer gewissen Skepsis verbunden, insbesondere wenn es um die Frage von sicheren digitalen Dienstleistungen geht. Welchen Beitrag kann die Politik künftig leisten, um mehr Vertrauen in digitale Dienste zu ermöglichen?

 
Natürlich sind die Befürchtungen hinsichtlich der Digitalisierung groß. Menschen fragen sich: Komme ich da überhaupt noch mit? Wie verändert das meinen Arbeitsplatz? Wie verändert das mein Leben? Diese Unsicherheiten bestehen zweifelsohne.

 
Die Antworten der Politik sehe ich dabei vor allen Dingen im Bereich Arbeit 4.0. Denn in diesem Kontext hat das Bundesarbeitsministerium – in Abstimmung mit diversen Tarifpartnern –  ein Programm initiiert, dessen Leitfrage eben diese ist: Was kann die Politik eigentlich tun, um den Herausforderungen der zukünftigen Arbeitswelt zu begegnen?

 
Im Prinzip geht die Antwort in zwei Richtungen: Zum einen kann die Politik selbstverständlich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern, also beispielsweise in Bezug auf das Arbeitszeitgesetz. Zum anderen ist das Thema „Qualifizierung“ eine wichtige Stellschraube. Qualifizierung bedeutet schließlich auch hier wieder die Schaffung von mehr Flexibilität. Vor allem aber Qualifizierung im Sinne des „lebenslangen Lernens“ – wir werden den Herausforderungen der Zukunft nur begegnen können, wenn wir dieses Buzzword tatsächlich und endlich auch mit Leben hinsichtlich des beruflichen Alltags befüllen. Wir müssen uns mit konkreten Qualifizierungsoffensiven auseinandersetzen. Dazu wurden in Deutschland drei Modellregionen gebildet – Kassel, Leipzig und Düsseldorf – dort wird geprüft, ob die Bundesagentur für Arbeit nicht nur in der Betreuung von Arbeitslosen, sondern eben auch im Bereich der Qualifizierung beziehungsweise der Qualifizierungsberatung aktiv werden kann.

 
» Unterschiedliche Wirtschaftsstudien prognostizieren eine Gefährdung von bis zu 18 Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland in den kommenden 20 Jahren. Die fortschreitende Digitalisierung bedroht dabei nicht nur unqualifizierte Arbeitnehmer, sondern auch die Mittelschicht und Akademiker. Ist eine gewisse Angst in der Bevölkerung also berechtigt, wenn man sagt, die Digitalisierung kostet uns Arbeitsplätze?

 
Die Befürchtung, dass neue Technologien zu einer Zerstörung der Arbeitsplätze führt, ist so alt wie die Innovation – angefangen beim Weberaufstand, über die Erfindung der Dampfmaschine bis hin zur Verbreitung des PCs in den 70/80er Jahren.

 
Die meisten von uns wissen das nicht mehr, aber die erste grüne Bundestagsfraktion hat ihren Mitarbeitern die Nutzung von Computern untersagt. Mit der Begründung, dies könne zu Rationalisierungsmaßnahmen führen. Insofern ist der Gedanke „neue Technologien = Verlust von Arbeitsplätzen“ ein wiederkehrendes Phänomen. Faktisch haben wir dieses jedes Mal. Gleichzeitig stellt sich aber jedes Mal ebenfalls heraus, dass das Gegenteil passiert. Es wird natürlich Veränderung geben, es werden auch Arbeitsplätze wegfallen, aber es werden eben auch andere geschaffen.

 
Wir sollten allerdings darauf achten – und daher spielt das Thema Qualifizierung eben eine so zentrale Rolle – dass wir diejenigen, die ihre Jobs möglicherweise verlieren, nicht einfach ins Bodenlose fallen lassen, sondern ihnen Unterstützung geben. Das halte ich für sehr wichtig.

 
Ein anderer Punkt ist der Folgende: Wenn wir als „Industriestandort Deutschland“ Bestand haben wollen, dann dürfen wir nicht so weitermachen wie bisher. Wir können nicht weiterhin auf alte Produktionstechniken verweisen, mit dem Nutzen den sie vor zehn Jahren gehabt haben. So sind wir nicht wettbewerbsfähig und so verkaufen wir keine Produkte. Verkaufen wir keine Produkte, gibt es auch keine Arbeitsplätze. Sich aus der technologischen Entwicklung herauszukoppeln führt also faktisch zu einer Veralterung der Industriestruktur und damit zu einem Zusammenbruch, der deutlich mehr Arbeitsplatzverlust bedeutet und auch schwerer aufzubauen ist. Ein gutes Beispiel dafür ist das Ruhrgebiet, als die Steinkohle und Stahlproduktion zurückgestellt wurden. Dadurch gingen mehr als 100.000 Arbeitsplätze verloren und es dauerte 20 Jahre, diese wieder aufzubauen. Das sollte man nicht vergessen.

 

» Angela Merkel warnte erst kürzlich davor, dass Deutschland zum digitalen Entwicklungsland wird – und zwar wegen eines überzogenen Datenschutzes (Süddeutsche Zeitung). Was meinen Sie, sind wir Deutschen zu ängstlich mit unseren Daten?

 
Ja und nein. Ich halte diese ganze Datenschutz-Diskussion oft für überzogen. Dies führt zu einer Verschärfung von Datenschutzregeln, die für die Beteiligten enorme Schwierigkeiten und lästige Bürokratien entstehen lässt. Das fängt schon bei den einfachsten Dingen an: Sie brauchen nur einmal einen Newsletter verschicken, mit 3000 Empfängern. Dann ändern sich plötzlich die Datenschutzbestimmungen und Sie fangen wieder von vorne an. Das ist jedes Mal ein riesiger Aufwand – schließlich müssen Sie von jedem Einzelnen eine schriftliche Bestätigung abfordern.

 
Aber es gibt natürlich auch genügend Fälle, wo unzureichender Datenschutz ausgenutzt wurde. Man kommt also auch nicht umhin, bestimmte Formen des Datenschutzes zu ermöglichen. Wie immer im Leben geht es um die richtige Balance.

 
» Wie sind wir als „Industriestandort Deutschland“ zum Thema Digitalisierung überhaupt aufgestellt?

 
Ich denke, wir sind da gut aufgestellt und haben dieses Thema frühzeitig erkannt – vor allem im Bereich der Produktionstechnik. Die Digitalisierung und das was ich eben als Industrie 4.0 bezeichnet habe, führt zu veränderten Produktionsprozessen und damit zur Notwendigkeit von Qualifizierung. Das öffnet auch neue Geschäftsfelder. Denn je mehr Dinge digitalisiert sind, desto mehr Daten befinden sich im Umlauf. Heißt: Wir müssen die Balance zwischen Zugriff auf Daten, Verarbeitung von Daten und Recht auf Löschen von Daten finden.