Mittelstandsfinanzierung im Wandel

Im Interview: Dr. Kerstin Wagner,

Unternehmenskundenbetreuerin für den Großraum Leipzig und Sachsen-Anhalt bei der LBBW Sachsenbank.

 

» Der Mittelstand gilt nach wie vor als Rückgrat der deutschen Wirtschaft.Wie sehr hängt die Industrie am Tropf der Kreditinstitute? (Wie sehr ist der Mittelstand abhängig von Bankfinanzierungen?)

 

Der Mittelstand ist nach wie vor das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, das kann man so sagen. Um zu verstehen, warum die Unternehmen in Deutschland relativ abhängig von den Banken sind, muss man in der geschichtlichen Entwicklung etwas zurück gehen.

 

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges hat sich in Deutschland in der Mittelstandsfinanzierung ein sehr starker Bankensektor herausgebildet. Hauptgrund war, dass die Unternehmen unabhängig bleiben wollten von Finanzinvestoren – in anderen Ländern war das anders. In Deutschland hat man Kredite aufgenommen oder nachrangige Darlehen, ohne Anteile am Unternehmen zu verkaufen.

 

Daher sind mittelständische Unternehmen in Deutschland relativ stark kredit- beziehungsweise bankenfinanziert. Doch in den letzten Jahren, vor allem nach 2009 und der Wirtschaftskrise, hat sich die Eigenkapitalquote substantiell verbessert. Die Unternehmen sind vorsichtiger geworden. So dass die Abhängigkeit von Bankfinanzierungen nicht mehr so stark ist. Man kann also nicht von einem Tropf sprechen, sondern eher von einer gesunden Partnerschaft.

» Aus Umfragen der Europäischen Zentralbank (EZB) zum Kreditgeschäft der Banken geht hervor, dass die Banken im Euroraum weiter mit einer steigenden Kreditnachfrage rechnen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kreditvergabe und Investitionstätigkeit?

 

„Jein“, nicht überall im Euro-Raum gibt es momentan eine steigende Kreditnachfrage. Speziell in Deutschland ist die Kreditnachfrage zur Zeit eher verhalten.

 

Die Investitionsfinanzierungen stagnieren im Moment – das muss man einfach so sagen. Die Unternehmen sind vorsichtig, was den Ausbau ihrer Kapazitäten betrifft.
Viele haben aus der Zeit 2006 bis 2008 gelernt – es gab dort große Sprunginvestitionen, aber in der Wirtschaftskrise konnten die Kapazitäten gar nicht so schnell ausgelastet werden, das heißt die Kapitaldienste für die Sprunginvestitionen konnten teilweise nur schlecht amortisiert werden. Daher prüfen Unternehmen heute sehr, sehr genau, inwieweit sie große Investitionen zum Ausbau der Kapazitäten vornehmen.

 

Andererseits werden vermehrt Kreditlinien als Liquiditätsreserve aufgenommen. Eine schlechte Unternehmenslage kann eher weniger durch einen Kredit überbrückt werden. Denn: je schlechter es einem Unternehmen geht, umso schwerer ist es auch, einen Kredit zu bekommen. Aber, Unternehmen sorgen durchaus in guten Zeiten für schlechte Zeiten vor und sichern sich Liquiditätsreserven.

 

Da kann man schon von einem deutlichen Wandel in der Mittelstandsfinanzierung sprechen: Die niedrigen Zinsen sorgen nicht  - wie man vielleicht erwarten könnte - für erhöhte Investitionen. Es wird sehr sorgfältig geprüft, bevor investiert wird und Kredit aufgenommen werden.

 

» Die Deutschen sind ja eher „Aktienmuffel“ und investieren lieber in Versicherungen oder Bausparverträge. Sind aus ihrer Sicht die so genannten Mittelstandsanleihen eine Alternative für den Privatanleger?

 

Nein, das ist keine wirkliche Alternative – es gilt das gleiche wie bei den Aktien: „Drum prüfe, wer sich bindet ...“

 

Man kann bei der Aktie einen Totalausfall haben und das kann auch bei der Mittelstandanleihe passieren. Die Mittelstandanleihe verspricht in der Regel anfänglich eine attraktive Verzinsung  aber auch hier kann der Totalausfall drohen. Als Anleger übernimmt man das unternehmerische Risiko ganz oder anteilig und muss daher besonders gründlich prüfen, in welche Aktie man investiert beziehungsweise welches Mittelstandsunternehmen hinter der Anleihe steht, in die eventuell investiert werden soll.

 
» „Die allermeisten Leute haben Angst vor der Finanzwelt“, sagte Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung „taz“. Auch der Staat habe deshalb die Banken bis jetzt nicht reguliert. Hat sie damit Recht? Können Sie solche Aussagen unkommentiert stehen lassen?

 

Ob die Menschen tatsächlich Angst haben und ob das auf die Regulierung zurückzuführen ist, sei dahin gestellt. Etwas grundsätzlich Menschliches kommt hier meiner Meinung nach zum Tragen: etwas, das schwer verständlich ist, dass ich nicht so gut kenne, ruft natürlich mehr Verunsicherung hervor. Das betrifft auch die Finanzwelt.

 

Die Frage ist doch vielleicht eher, wie kommunizieren wir über bestimmte Themen?
Wenn man sich nicht mit einem bestimmten Thema auseinandersetzt, bleibt es natürlich unvertraut und bereitet vielleicht sogar Angst. Aber wenn man sich gut informiert fühlt, ist man auch nicht verunsichert. Ich würde das eher nicht auf eine fehlende Regulatorik zurückführen.

 
» Globale Wirtschaftstrends, wie Urbanisierung, bedeuten abseits der Finanzwirtschaft häufig soziale Auf- oder Abstiege. Wo sehen Sie als Bank Ihre soziale Verantwortung in der Zukunft?

 
Auch wir als Bank prüfen natürlich genau, welche Investitionen wir finanzieren, welche Geschäfte getätigt werden. Selbstverständlich hat da die Bank – insbesondere als öffentlich-rechtliche Bank - die Verantwortung auch globale Entwicklungen im Blick zu behalten und bei der Prüfung zu berücksichtigen.
Die LBBW beispielsweise hat so vor einigen Jahren Agrarrohstoffe aus den Rohstoff-Fonds ausgeschlossen und  ist aus Optionsgeschäften von Agrarrohstoffen wie Getreide ausgestiegen, weil auch in diesem Bereich Spekulationen getätigt werden.
 
Wir wollen nur in nachhaltige Projekte investieren, beispielsweise im Bereich Landwirtschaft/Forstwirtschaft nicht in Monokulturen. Vor einigen Jahren wurde das Thema alternative Kraftstofferzeugung aus nachwachsenden Rohstoffen sehr aktuell. Die Produktion dieser Kraftstoffe führt jedoch sehr häufig zur Bildung von Monokulturen. Das ist dann letztendlich nicht nachhaltig und deshalb finanzieren wir solche Projekte nicht. Hier definieren wir als Bank unsere soziale Verantwortung sehr klar und das finde ich auch wichtig.

 
» Die hohe technologische Geschwindigkeit verkürzt zunehmend den Lebenszyklus der Unternehmen. Das fordert die Firmen-Lenker heraus: Sie müssen mehr Entscheidungen treffen und Ressourcen schneller einsetzen. Können sie das denn?

 
Nun, es gibt gute Unternehmer und es gibt schlechte.Der gute Unternehmer schaut immer auch rechtzeitig in die Zukunft und überlegt Wo stehe ich morgen mit meinem Unternehmen? Welche Trends haben auf mich Einfluss? Wie muss ich reagieren? Wie kann ich agieren?

 

Für die Bank sind die Fragen wichtig: Wer stellt sein Produktportfolio zukunftsträchtig auf? Wer bereitet sich auf die immer schneller werdenden Produktzyklen vor und kann sich darauf einlassen? Wer das nicht kann, steht bald vor dem Ende seines Unternehmens.

 

Es gibt sehr viele Unternehmen, die ihre Produktpalette in der Vergangenheit schon einmal komplett gewandelt haben, weil sie erkannt haben, dass das, was sie bisher gemacht haben, einfach nicht mehr gefragt ist, dass bestimmte Produkte vom Markt verschwinden.

 

Wer nicht bereit ist, sich diesen Anforderungen zu stellen – als Inhaber – steht vor dem Risiko, dass sich das Unternehmen quasi selbst auflöst. Aber das hängt tatsächlich an der Unternehmerpersönlichkeit. Das lässt sich nicht verallgemeinern – es gibt gute und schlechte Unternehmer.

 
» Die Unternehmer in Sachsen und Sachsen-Anhalt? Sind die investierungsfreudig?

 

Auch in der Region gibt es viele Unternehmen mit tollen, innovativen Ideen. Oft werden diese Unternehmen, die tolle Produkte hatten und Tolles geschaffen hatten, anschließend klassische Übernahmeziele für andere Unternehmen aus den alten Bundesländern oder dem Ausland.

 

» Aber dafür braucht es doch auch einen Verkäufer?

 

Das stimmt. Unternehmer werden zum Verkäufer aus strategischen Gründen, im Zuge einer Nachfolgeregelung oder auch weil es ein attraktives Angebot gibt. Wenn erfolgreiche Unternehmen „weggekauft“ werden, dann passiert es im Nachgang häufig, dass Entscheidungen für den Standort nicht mehr hier vor Ort getroffen werden. Das habe ich schon oft erlebt. Ich würde mir mehr Beispiele wie Leesys wünschen, dass ein Investor durch die Stärkung von Forschung und Entwicklung vor Ort die Unternehmen hier fit für die Zukunft macht.

 

Es gibt hier in der Region viel innovatives Potential! Daher muss hier unbedingt die StartUp-Finanzierung gestärkt werden. Damit Innovationen auch hier vor Ort nachwachsen können. Da haben wir im Moment einfach einen strukturellen Nachteil im Vergleich zu Städten wie München oder Berlin.

 

» Ist die Mittelstandfinanzierung ein Stück weit nur dazu da – diese Verkäufe zu ermöglichen? Haben Sie dieses Gefühl?

 

Nein, nein. Mittelstandsfinanzierung heißt ein Unternehmen über viele Jahre zu begleiten – im Wachstum, bei einer Nachfolgeregelung wie auch beim Verkauf. Oft wird auch die Nachfolge intern oder sogar in der Familie geregelt, so dass die Unternehmen in die zweite Generation gehen, die dann auch mit der Region verbunden ist.

 

» Beim Stichwort „Nachfolge“ sind wir bei einer weiteren globalen Entwicklung, der Überalterung und ihren (teils) dramatischen Folgen für die Wirtschaft. Wie kann eine Bank wie die LBBW diesem Trend nachhaltig entgegenwirken?

 

Generelle Trends kann man als Bank nicht aufhalten. Das Thema ist so komplex, da lässt sich auch keine einfache Antwort finden.

 

Wenn beispielsweise ein Handwerker keinen Nachfolger findet, muss man darüber reden wie die Ausbildungssituation ist. Zieht es zu viele in akademische Berufe? Hat das Handwerk seinen goldenen Boden sprich Attraktivität verloren? Wie können Jugendliche für eine Ausbildung im Handwerk gewonnen werden? Aber das würde ich mal beiseite lassen, das Thema ist einfach zu umfassend.

 

Bei Nachfolgefinanzierungen in mittelständischen Unternehmen stehen wir als Bank natürlich zur Verfügung. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten wie die Finanzierung eines neuen Gesellschafters/Investors oder über unsere Beteiligungsgesellschaft die Nachfolge zu finanzieren und so auch den Standort in der Region zu erhalten bzw. zu stärken.

 

Wenn der Bedarf da ist, dann ist die Bank da und berät, kann aber kaum globalen Trends entgegen wirken – das ist auch letztendlich nicht die Aufgabe der LBBW.

 

» Spüren Sie die Folgen der Überalterung bei sich im Haus?

 

Auch wir machen uns intern Sorgen um mangelnden Nachwuchs und setzen daher den Hebel bei der Ausbildung an. Die duale Ausbildung ist sehr gefragt.

 

Der Begriff Überalterung gefällt mir allerdings grundsätzlich nicht so gut. Wann ist denn eine Gesellschaft überaltert? Ja, das Durchschnittsalter in den Unternehmen steigt – aber die Menschheit wird insgesamt älter.
In der Vergangenheit gab es diese Situation schon öfter.

 

Auch die Relation zwischen Berufstätigen und Nicht-mehr-Berufstätigen hat sich in der Vergangenheit kontinuierlich verringert. Die viel beschworenen, schrecklich negativen Auswirkungen sind ausgeblieben – die Herausforderungen sind bewältigt worden. Daher sehe ich die Schwarzmalerei als übertrieben an.

 
» Mit der Bitte um eine persönliche Einschätzung: Erleben wir tatsächlich die Rückkehr der Zinsen in 2017?

 

Ob wir aus dem Negativbereich heraus wenigstens in einen Nullbereich bei den Kurzfristzinsen kommen? Wahrscheinlich werden die Zinsen 2017 noch nicht wesentlich steigen. Zum einen ist die Wirtschaftskraft in den Euro-Ländern regional sehr verschieden. Zum anderen sind  die Staatshaushalte der Euro-Länder alle relativ hoch verschuldet, so dass wohl aus politischer Sicht kein Wille besteht, die Zinsen substantiell anzuheben.

 

Was die Prognosen der LBBW angeht, so werden wir 2017 eher mit einer Seitwärtsbewegung der Zinsen rechnen müssen.

 
» Zum Abschluss eine eher abstrakt-moralische Frage: Die Süddeutsche Zeitung schrieb vor einiger Zeit im Finanzteil, dass der Kapitalismus im Prinzip nicht zu retten ist. Auch und gerade nicht von den Banken. Muss der Kapitalismus denn gerettet werden?

 

Ich halte es mit einem physikalischen Grundsatz: Wachstum ist endlich.

 

Irgendwann ist immer eine Wachstumsgrenze erreicht und es erfolgt der Umschlag in eine andere Qualität. Im kapitalistischen System – Banken sind nur ein Teil dieses Systems – gibt es noch viele Wachstumsmöglichkeiten und Anpassungsmöglichkeiten. Wie lange das geht, kann ich nicht sagen. Aber irgendwann wird es diesen Umschlag – vielleicht auch notwendigerweise aufgrund der begrenzten Ressourcen unserer Erde – in eine andere Qualität geben. Das werde ich wahrscheinlich nicht erleben.