20 Jahre Standort Hertzstraße - Ein Rückblick

Im Interview: Jörg Friedrich
Leesys GmbH, COO     

 
Sachen packen, Kartons schleppen, bloß nichts vergessen und dann alles in der neuen Wohnung wieder aufbauen. So ein Umzug kann eine echte Herausforderung sein. Und jetzt stellen Sie sich vor, ein fast 600 Mann starkes Werk zieht um – und das, ohne die Fertigung zu unterbrechen. So geschehen beim Umzug des Telefonwerkes vom Leipziger Standort Stötteritz an den neuen Standort in die Hertzstraße in Leipzig- Heiterblick im Jahr 1999.

 

Jörg Friedrich, COO Leesys

Herr Friedrich, Sie waren federführend für dieses Mammut-Projekt verantwortlich. Das liegt nun 20 Jahre zurück. Wie aufregend war der Umzug auf die grüne Wiese in das neue Zuhause in der Hertzstraße?  Mit welchen Gefühlen denken Sie an die Zeit zurück?

 
Im Rückblick betrachtet, war das die „geilste Zeit“ in meinem Arbeitsleben.  Den Bau einer Fabrik auf der „grünen Wiese“ zu begleiten, kann man, wenn überhaupt, nur einmal in seinem Leben. Die Pläne für den Neubau wurden in kürzester Zeit umgesetzt, die Genehmigung des Bauantrages in nur sechs Wochen erteilt. Nach dem ersten Spatenstich für den Werkneubau im März 1998 entstand innerhalb von nur zehn Monaten die neue Fertigungsstätte. Auch der Umzug ging in Rekordzeit über die Bühne. Binnen knapp zwei Wochen wurden die komplette Produktion mit fünf Montage- und acht Bestückungslinien sowie die Verwaltung umgelagert. Rund 350 LKW- Transporte waren dafür nötig.
Das war eine anstrengende, aber auch sehr schöne Zeit. 

 
Bis zum Umzug im Jahr 1999 an den heutigen Standort in der Hertzstraße wurden am Standort in der Melscherstraße außer Nebenstellenanlagen auch Stromversorgungen gefertigt. Warum wurde es erforderlich, sich nach einem neuen Standort umzusehen und neu zu bauen?

 
Erfolge brauchen Platz!  Der Standort in der Melscherstraße in Leipzig- Stötteritz war ein Geschossbau, an dem kurz nach der Wende und Übernahme des Standortes durch die Siemens AG bis 1997 vorrangig Nebenstellenanlagen und Stromversorgungen gebaut wurden. Mit Beginn der Fertigung der Business Phones im Jahr 1997 war der Standort den Anforderungen an Fertigungs- Taktzeiten und der damit verbundenen Materialzufuhr nicht mehr gewachsen. Die Fertigungswelt hatte sich im Vergleich zu der Zeit zum Bau von Stromversorgungen und Nebenstellenanlage komplett verändert. Wo allein die Prüfzeit von Stromversorgungen bei 20 Minuten lag, lag die Taktzeit bei der Telefonfertigung  bei nur 20 Sekunden. Damit verbunden war ein riesiger Materialdurchsatz.  Es wurde deutlich mehr Material in viel kürzerer Zeit benötigt, als noch vorher. Über mehrere Etagen war dieser enorme Verbrauch an Material logistisch nicht zu bewältigen, denn Siemens hatte sich vorgenommen, am Standort in Leipzig jährlich künftig fünf Millionen Telefone bauen zu lassen. Der Leipziger Standort war für Siemens weltweit das einzige ISDN-Telefonwerk. Auch wurde die Lage des alten Werkes mitten in einem Wohngebiet zunehmend problematisch. Die Anfahrt der Lastwagen an die Warenannahme führte zu einer Vielzahl von Problemen.

 
Im neuen Werk in der Hertzstraße war der gesamte Produktionsprozess nun auf einer Ebene zusammengefasst und schaffte damit optimale Voraussetzungen für die Anforderungen an moderne Fertigungslogistik. Der Materialfluss innerhalb der Fertigungshallen erfolgt durch fahrerlose Transportsysteme (FTS). Das Hochregallager auf 3.000m2 bietet Platz für ein automatisches Kleinteilelager mit 30.000 Behältern und ein automatisches Hochregallager für 1.700 Paletten.

 
Bei der Fabrikplanung wurde viel Weitsicht bewiesen. Die Gebäudeplanung, das Fertigungsanlagenlayout, die Planung der Ver- und Entsorgung sowie die Verknüpfung der Fertigungsanlagen miteinander macht es uns leicht, die Fertigungsinseln an die aktuellen Anforderungen unserer Kunden anzupassen.

 
Mit der Inbetriebnahme des Fahrerlosen Transportsystems (FTS) waren wir vor 20 Jahren Vorreiter bei der Intralogistik 4.0.

 
Wie lange dauerten die Planungsphase für das jetzige Werk und letztlich der Bau?

 
Am 26. November 1997 hat der Bereichsvorstand der Siemens AG den Start für den Neubau des Werkes freigegeben. In nur sechs Wochen wurde der Bauantrag genehmigt und am 03. März 1998 setzten der damalige Oberbürgermeister von Leipzig, Dr. Hinrich Lehmann-Grube,  Sachsens  Wirtschaftsminister Dr. Kajo Schommer und der Siemens Bereichsvorstand Richard Heim symbolisch den ersten Spatenstich. Im September 1998 konnte schon das Richtfest gefeiert werden und im Januar 1999 sind wir umgezogen.  Nur ein Jahr nach dem ersten Spatenstich hat Siemens im Beisein des sächsischen Staatsministers für Wirtschaft und Arbeit, Dr. Kajo Schommer, Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee und Dr. Volker Jung, Mitglied des Zentralvorstands der Siemens AG, das Werk feierlich eröffnet.

 
Was waren die großen Meilensteine in der Geschichte des Unternehmens? Auch jene Entscheidungen, die, vielleicht auch erst rückblickend, richtungsweisend für die Unternehmensentwicklung gewesen sind?

 
Mit der Übernahme des VEB Nachrichtenelektronik durch die Siemens AG 1990 hatten wir viel Glück. Im Gespräch waren damals auch Alcatel und Philips als Übernahmepartner. Wie wir wissen, gibt es die Werke der Wettbewerber in Ostdeutschland heute nicht mehr.

 
Mit der Fertigung der Telefonanlage HICOM100 und der EWSD Flachbaugruppenfertigung für Siemens wurde bereits im März 1990 begonnen. Drei Jahre später entwickelte sich der Standort weiter und war mit dem Aufbau einer eigenen Entwicklung  für Stromversorgungsanlagen nicht mehr nur verlängerte Werkbank. Wenn man so will, begann 1993 schon unsere Zukunft als E2MS -  Electronic Engineering and Manufacturing Services.

 
Bis zum Umzug im Jahr 1999 an den heutigen Standort in der Hertzstraße wurden am Standort in der Melscherstraße außer Nebenstellenanlagen auch Stromversorgungen gefertigt. Seit dem Fertigungsbeginn der Business Phones im Jahr 1997 haben bis jetzt mehr als 28 Millionen schnurgebundene Telefone das Werk verlassen. Im Jahr 2003 liefen die ersten Wireless Modules vom Band. Bis heute konnten mehr als 95 Millionen Kommunikationsmodule geliefert werden.  In unserer Kunststoffverarbeitung sind bis heute fast 240 Millionen Teile aus Spritzgießanlagen „gefallen“.

 
Der Fertigungsstandort erweiterte 2010 sein Angebot auch für Kunden außerhalb des direkten Siemens-Umfeldes. Electronic Manufacturing Services, Kunststofffertigung und Komplettgeräte, von der Einzelserie bis zur großvolumigen Massenfertigung wurden somit einem neuen Markt angeboten.

 
2012 erfolgte dann der nächste logische Schritt: Die Umfirmierung zur Leesys- Leipzig Electronic Systems GmbH. Mit dem Namen „Leipzig Electronic Systems“ erfolgte ein deutliches Bekenntnis zum Elektronikstandort Leipzig, wo vor beinahe 100 Jahren das Vorgänger- Unternehmen gegründet worden war.

 
2014 übernahm die Quantum Capital Partners AG aus München die Leesys und sicherte somit die weitere Zukunft des Unternehmens.

 
Leesys hat sich in den vergangenen Jahren konsequent an die Marktanforderungen angepasst, indem wir in den letzten fünf Jahren neben der vorhandenen Kompetenz im Bereich der Prozessentwicklung auch eine Kompetenz in der Produktentwicklung aufgebaut haben. Die Prozessentwicklung deckt alle Bereiche der Fertigung und Prüfung von elektronischen Komponenten ab. Die Produktentwicklung jedoch erlaubt es uns, für unsere Kunden nicht nur Produkte zu fertigen, sondern sie auch zu entwickeln. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung Weiterentwicklung zum E2MS- Electronic Engineering and Manufacturing Services.

 
Fällt Ihnen noch eine Geschichte oder Anekdote ein, die Ihnen im Zusammenhang mit dem Bau des Werkes besonders in Erinnerung geblieben ist?

 
Ja, da muss ich an einen Samstag im Januar 1999 denken. Auf dem Programm stand die Generalprobe des FTS (Fahrerloses Transportsystem). Voller Erwartung standen zehn Kollegen in der Fertigungshalle und starrten gebannt auf die „gelben Taxis“ und warteten darauf, dass diese sich in Bewegung setzten, um fiktive Materialien zu bewegen. Aber es passierte nichts. Ratlose Gesichter!

 
Eine scheinbar endlos dauernde Stunde später stellte sich heraus, dass ein falsch gesetztes Kreuz im eingesetzten ERP System als Sperrsignal für jegliche Materialbewegung verantwortlich war. Man hätte die Steine förmlich fallen hören können, die allen Beteiligten vom Herzen fielen. Nachdem der Fehler behoben war, setzten sich unter großem Jubel die gelben FTS wie geplant in Bewegung.