Finanzinvestoren - Chancen erkennen unabhängig von Branchen

Im Interview: Steffen Görig, Chief Executive Officer der Quantum Capital Partners GmbH

 

» Globalisierung, Digitalisierung und zunehmende Regulierung – immer häufiger sehen sich Unternehmen gezwungen, über eine grundsätzliche Neuausrichtung ihres Geschäftes und radikale Abspaltung ganzer Bereiche nachzudenken. Welche Vorteile bringt das für Finanzinvestoren mit sich und wie können die Unternehmen selbst davon profitieren?

 
Abspaltungen von Randbereichen aus Konzernen sind genau das, wovon wir als Finanzinvestor leben. Unser Hauptgeschäft ist es, aus Großkonzernen diverse  Randbereiche herauszukaufen. Ob diese Randbereiche ausschließlich aus den oben genannten Gründen verkauft werden, kann ich natürlich nicht beurteilen. Meistens ist es aber so, dass diese Randbereiche nicht mehr zum Core-Business gehören und sich die Konzerne deshalb davon trennen wollen. Für uns als Finanzinvestor bieten diese Abspaltungen von Großkonzernen große Chancen.

Steffen Görig, Chief Executive Officer der Quantum Capital Partners GmbH

 » Das Verbesserungs-, Wachstums- und Entwicklungspotenzial in Unternehmen zu sehen und dann entsprechend zu investieren, stellt heutzutage eine große Herausforderung dar – gibt es konkrete Eckpfeiler, an denen Sie sich dabei orientieren?

 
Das lässt sich leider nicht pauschalisieren. Wenn Großkonzerne Randbereiche an uns verkaufen, dann treffen sehr unterschiedliche Ansichten aufeinander. Der Großkonzern sagt, das ist nicht mehr sein Kerngeschäft, er will sich trennen. Wir hingegen schauen uns diese Bereiche an und sehen – wenn wir sie dann kaufen – in diesen Bereichen Chancen, die es weiter zu entwickeln gilt. Über die Zeit lässt sich dann feststellen, ob diese Bereiche dann auch eine positive Zukunft haben werden. Beispielsweise unter einer veränderten Führung oder einem geänderten Management, um einfach noch andere Richtungen einzuschlagen, die vielleicht unter dem Großkonzern nicht möglich oder nicht erlaubt waren.

 

 

 

 

» Jeffery Perkins, Deutschland-Chef der Investmentbank Harris Williams & Co. meint: „Zu viel Kapital muss in zu wenig, hochqualitative Unternehmen investiert werden, was zu hohen und weiter steigenden Preisen führt“. Inwiefern können Sie diesem Zitat zustimmen?

 
Bei uns ist das durchaus ein Thema. Es ist momentan eine große Liquidität am Markt, die eine Rendite sucht und die mit ihren herkömmlichen Liquiditätsprodukten keine Renditen mehr erzielen kann. Also werden Alternativen gesucht, in die Kapital fließen kann. Eine Alternative ist immer das Kaufen von Aktien anstelle des Kaufs kompletter Firmen. Wir erleben auf dem Markt immer häufiger Situationen, in der große Nachfrage denen ein begrenztes Angebot auf große Liquiditätsreserven trifft. Aufgrund dessen müssen wir in diesem Bereich mit steigenden Preisen für Firmenanteile oder Gesamtfirmen rechnen. Deshalb kann es über die Jahre passieren, dass die Marktpreise für Firmen ansteigen.

 
» Erneuerbare Energien spielen schon lange eine große Rolle in Deutschland und werden es auch in Zukunft. Wo sehen Sie die Vorteile in dieser Entwicklung für den Bereich „Finanzinvestitionen“?

 
Ich bin immer skeptisch bei Investitionen, die sehr stark von Regulierungen der Regierungen und der Politik abhängen. Wenn eine Kanzlerin entscheidet, aus der Atomenergie auszusteigen, werden alternative Energien wertvoll. Wenn eine Regierung entscheidet, die Stromeinspeisung aus Solarzellen zu reduzieren, werden Solarenergieinvestments weniger wert. Es ist immer schwierig, in Bereiche zu investieren, die von politischen Entscheidungen so abhängig sind. Für uns ist das also keine wichtige Investitionsklasse, in die wir investieren würden.

 
» „Zurzeit gibt es in Europa nicht viele Großvorhaben im Bereich der Projektfinanzierung“, erklärt Ulrich Winkelmann, Offshore-Spezialist der NordLB in Hannover, in einem Interview mit der ZEIT. Worin sehen Sie hierfür die Gründe?

 
Wir haben uns vor kurzem ein Unternehmen angeschaut, das zum Verkauf stand und Bauteile für die „Offshore-Windenergie“ liefert. Wenn ich mich recht erinnere, waren die Finanzzahlen im Bereich Offshore-Windenergie und der Ausblick gut. Von daher weiß ich gar nicht, inwieweit ich die Aussage unterstützen kann.

 
» Wie sieht es in anderen Branchen aus?

 
Das kommt ganz auf die Branche und auf das Land an. Hier sind differenzierte Sichtweisen nötig. Wir investieren in alle  Branchen, meistens aber in die klassische Old Economy, also in das produzierende Gewerbe. Da sehen wir Potenzial und investieren letztlich auch unser Geld.

 
» Wie eine Studie der Business School HEC Paris und des Private-Equity-Unternehmens Activa Capital ergab, erwirtschaften Carve-outs für den Käufer das Dreifache des in sie investierten Kapitals. Eröffnet ein sorgfältig geplanter Carve-out beiderseits neue Chancen?

 
Ich würde sagen, dass „dreifach“ in vielen Fällen sehr konservativ als Renditeerwartung eines Carve-outs ist. Wir machen zu 80 oder 90 Prozent Carve-outs aus Großkonzernen. Wenn ich dies über die letzten Jahre betrachte, dann ist unsere Renditeerwartung in den meisten Fällen höher.

In erster Linie ist das häufig abhängig vom eingesetzten Kapital, da wir teilweise Firmen kaufen, die wirtschaftlich nicht gesund sind. In solchen Fällen bewegen wir uns manchmal auf symbolischer Kaufpreisebene.

 
Ein gutes Beispiel: Wenn wir eine Firma für den symbolischen „einen“ Euro kaufen, so erzielt man das Dreifache des Gewinns relativ einfach. Verkaufen wir das Unternehmen für 1.000 Euro weiter, so haben wir unser Kapital vertausendfacht. Hier wird die Magie der „kleinen Zahl“ sehr deutlich.

 
Um es kurz zu fassen: Ein Unternehmen aus einem Konzern herauszunehmen und eigenständig unternehmerisch zu führen, bietet durchaus hohes Wertsteigerungspotenzial.

 
» Finanzinvestoren haben letztes Jahr im deutschen Mittelstand so viele Buyouts strukturiert wie seit dem Rekordjahr 2007 nicht  mehr. Wie beurteilen Sie die aktuelle Marktsituation?

 

Wenn Sie Leverage-Buyouts im Sinne von finanzierten Unternehmenskäufen meinen, dann sage ich: Ja, die Kreditgeber sind wieder zurückgekommen. Es ist aus unserer Sicht heute einfacher, Kaufpreise über Finanzinstitute wieder zu re-finanzieren. Der Markt ist wieder aufnahmefähiger geworden als in den Jahren zuvor. Für uns ist das beim Kauf aber kein so großes Thema, weil wir für die Unternehmen, die wir kaufen –  etwa weil sie in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind – keinen Leverage, keine Fremdfinanzierung bekommen.

 
» Eine im Auftrag der Deutschen Beteiligungs AG (DBAG) vom Fachmagazin FINANCE über Trends im deutschen Mittelstandssegment durchgeführte Erhebung zeigt das Risiko übertriebener Bewertungen. Insbesondere die Preise für Medizintechnik- und Technologieunternehmen seien inzwischen so hoch, dass in diesen Sektoren eine Blasenbildung drohe. Wo sehen Sie hier Lösungsansätze? Denken Sie, dass auch andere Sektoren beziehungsweise Branchen betroffen sind?

 
Wenn eine Branche überhitzt ist und ich weiterhin dort investiere, muss ich mich nicht wundern, dass die Einstiegspreise steigen und ich bei einem Investment nicht so gut fahre, wie in anderen Branchen, die diese Überhitzung noch nicht haben.

 
Eine Industrie klingt interessant für andere Investoren, wenn sie für jeden erschwinglich ist und als gewinnbringend tituliert wird. Da fließt natürlich sehr viel Geld rein und entsprechend verteuern sich die wenigen Unternehmen, die in dem Bereich zum Verkauf stehen.

 
» Die Historie zeigt, dass das Verlust-Risiko bei der Aktienanlage maßgeblich von der Dauer des Investmentzeitraums bestimmt wird. Sollte man Ihrer Meinung nach immer einen möglichst langen Anlagehorizont verfolgen?

 
Ein langer Anlagehorizont ist besser als ein kurzer. Denn ein Risiko ergibt sich erst daraus, dass sich zwischen der Erwartung und dem Ergebnis eine Diskrepanz bildet.

 
Firmen und Volkswirtschaften entwickeln sich über längere Zeit gesehen stabiler in eine Richtung. Um die Frage zu beantworten: Wenn man investiert, hat man immer eine Erwartung, wie viel und wann etwas zurückkommen soll. In diesem Spannungsfeld muss man sich bewegen können. Dazu ist es leichter, wenn man das „Wann soll etwas zurückkommen“ besonders weit in die Zukunft schickt.