Hier spricht Frau Glück

Judith Glück ist Weisheitsforscherin und weiß, dass sich Lebenszufriedenheit steigern lässt

 

Judith Glück, geboren 1969, ist Weisheitsforscherin. Seit 2007 ist sie als Professorin für Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Entwicklung im Erwachsenenalter und die Psychologie der Weisheit. Im Kösel Verlag ist ihr Buch „Weisheit. Die 5 Prinzipien des gelingenden Lebens“ erschienen.

 

>> Es gibt eine erstaunliche Vielfalt an Glücksliteratur. Auch Sie haben ein Buch über das gelingende Leben herausgebracht. Gibt es eine besondere Sehnsucht nach dem Glück?

 

Hm, natürlich würden die allermeisten Menschen zustimmen, dass sie gerne glücklich sein wollen. Aber das Leben ist nun einmal nicht so, dass das immer möglich ist. Ich denke, was es vor allem gibt, ist eine Sehnsucht danach, ein gutes Leben zu leben. Für viele Menschen bedeutet das einfach, überhaupt erst mal herauszufinden, was eigentlich für sie persönlich das richtige Leben ist. Ich nehme ein sehr großes Interesse vieler Menschen an Themen wie Weisheit wahr – was ja mein primäres Forschungsthema ist.

 

Sehnsucht nach Glück

>> Stimmt, Sie sind Weisheitsforscherin. Sind Weisheitsforscherinnen selbst weise? Jedenfalls ein bisschen?

 

Ein bisschen weiser als früher vielleicht. Man lernt einiges von den weisen Menschen, mit denen man durch dieses Forschungsthema in Kontakt kommt. Aber letztlich zeigt sich Weisheit vor allem in den schwierigen Situationen des Lebens, und da gibt es einen großen Unterschied zwischen theoretischem Wissen darüber, wie man mit einer Situation umgehen könnte oder sollte, und dem, was man dann tatsächlich tut, wenn man emotional stark involviert ist. Insofern weiß ich nicht, wie praxistauglich mein bisher erworbenes Wissen über Weisheit ist.

 

>> Braucht man schwierige Situationen im Leben, um Weisheit zu erlangen? Oder kann man Weisheit auch theoretisch gewinnen? Etwa durch Lektüre oder durch den Besuch von Diskussionsveranstaltungen zum Thema?

 

Wir gehen in unserer Forschungsarbeit davon aus, dass man wirkliche Erkenntnisse über das Leben nur gewinnt, wenn man zumindest zu einem gewissen Grad selbst erfahrungsmäßig involviert ist. Dann kann es natürlich auch Lektüre oder eine Diskussionsveranstaltung sein, die die Erkenntnis bringt. Wenn man beispielsweise gerade intensiv mit der Frage beschäftigt ist, wie man mit einem schwierigen Problem in der Kindererziehung umgehen sollte, kann etwas, was jemand im Fernsehen oder ein Fremder auf einer Bahnfahrt zu diesem Thema sagt, die Perspektive und vielleicht das ganze Leben verändern. Jemand, der nicht betroffen ist, findet die Aussage vielleicht interessant, aber sie verändert ihn nicht. Insofern glauben wir schon, dass es die schwierigen Situationen im Leben sind, die Weisheit fördern können, aber nicht durch theoretische Auseinandersetzung. Nur was wir erlebt haben, kann unser Leben verändern.

 

>> Kann man an seiner Lebenszufriedenheit überhaupt viel ändern? Oder ist die weitgehend genetisch festgelegt?

 

Da kann man sehr viel ändern. Es stimmt schon, dass Menschen ein gewisses Temperament von Geburt an mitbringen – manche Babys sind fröhlich, freundlich und zufrieden, bekommen entsprechend freundliche Reaktionen vom Umfeld und bleiben typischerweise nette Menschen. Andere haben es schwerer mit sich und der Welt, aber gerade die können sich weit entwickeln. Studien zeigen, dass relativ einfache Maßnahmen die Lebenszufriedenheit nachhaltig verändern können.

 

>> Welche denn?

 

Etwa darüber nachzudenken, wofür man in seinem Leben dankbar ist, gezielt zu versuchen, jemandem zu verzeihen oder Achtsamkeitsübungen. Psychotherapie ist ja auch erwiesenermaßen wirksam. In unseren Studien sehen wir, dass weise Menschen sich intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt und gelernt haben, was sie im Leben wirklich brauchen. Dadurch, dass sie mit sich im Reinen sind und im Einklang mit ihren Bedürfnissen leben, können sie auch uneigennützig für andere Menschen da sein.

 

>> Welchen Namen jemand trägt, ist ja meist Zufall, deshalb geht man bei der Berichterstattung nicht weiter darauf ein. Aber bei Ihnen muss ich doch mal fragen: Sie heißen Glück und beschäftigen sich mit Glück: Hat das eine etwas mit dem anderen zu tun?

 

Auf diese Frage sage ich meistens, dass ich Weisheitsforscherin bin, keine Glücksforscherin. Allerdings bin ich zur Weisheitsforschung ursprünglich eher zufällig gekommen, als Paul Baltes, der damalige Direktor am Max Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, mir 1998 einen Job angeboten und mich dann dem Weisheitsthema zugeordnet hat – ich wusste eigentlich nie genau warum, vielleicht hat er das ja aufgrund meines Namens gemacht …

 

>> Viele Menschen nehmen sich mit dem Beginn eines neuen Jahres vor, glücklicher und zufriedener zu leben. Was halten Sie von solchen Vorsätzen?

 

Leider kann man sie selten langfristig umsetzen. Das ist eben auch wieder das Problem, dass uns auf der rein rationalen Ebene durchaus klar ist, was wir ändern müssten – weniger rauchen, mehr Sport treiben, sich weniger ärgern und so weiter. Aber das, was man nicht mehr tun möchte, ist eben meistens nicht so rational gesteuert. Langfristig das eigene Verhalten zu ändern, kann sehr schwierig sein. Trotzdem sind die Vorsätze ja sinnvoll – sich zumindest klar zu machen, wie man leben möchte, ist sicher ein erster Schritt.

 

Interview: Ronald Meyer-Arlt

 

Quelle: Ronald Meyer-Arlt: Hier spricht Frau Glück. In Leipziger Volkszeitung vom 09.01.2018, Nr. 7, Seite 7