Home sweet home: Wie gefragt sind Smart Home Lösungen tatsächlich?

Interview: Dr. Gunther M. Wagner
Deloitte GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Director Technology Strategy & Architecture

 
Das Angebot an so genannten Smart Home Produkten nimmt stetig zu. Aber wie reagiert der Verbraucher darauf? Werden die Angebote großflächig genutzt? Um das heraus zu finden, haben Sie eine umfangreiche Befragung von über 2.000 deutschen Konsumenten im Rahmen der Studie „Smart Home Consumer Survey 2018“ durchgeführt. Wie verbreitet sind denn heute schon Smart-Home-Lösungen und wie groß ist das weitere Interesse?

 
Ob der Verbraucher die Produkte wirklich nutzt, kann ich Ihnen nicht sagen. In unserer Studie haben wir untersucht, welche Komponenten sich der User in den letzten Jahren zugelegt hat oder plant, sie sich zuzulegen.

 

Aber die Studie ist eine Indikation hinsichtlich dessen, wie sich die Smart Home Nutzung oder auch die Adoption von vor drei Jahren gestaltet hat. Diese Frage haben wir im Rahmen unserer letzten Smart Home Studie von 2018 adressiert. Um ein paar Beispiele zu nennen: Im Bereich Leuchten, Alarmsysteme, Heizung oder auch Lautsprecher hat sich ein drastischer Zuwachs im Vergleich zur Situation vor drei Jahren verzeichnet. Bei Lautsprechern ist die Verbreitung um 67 Prozent gewachsen; der Einsatz von smarten Leuchten ist um 50 Prozent angestiegen und auch die Verbreitung von smarten Alarmsystemen ist um 67 Prozent gestiegen. Das sind alles Indikationen, dass es eine deutlich größere Durchdringung von Smart-Home-Komponenten in Deutschland bei der Bevölkerung gibt.

 

Dr. Gunther M. Wagner

 

Warum wollen Konsumenten Smart Home oder aus welchen Gründen auch nicht? Welche Motive sprechen für eine Nutzung von und das Interesse an Smart Home Angeboten?

 
Beim Thema Smart Home steht für die Konsumenten der Wunsch nach Komfort an erster Stelle. In 2015 gaben das knapp die Hälfte der Befragten an; in 2018 schon 56  Prozent der Teilnehmer der Studie. Es gefällt den Nutzern, beispielsweise über eine App Haushaltsgeräte steuern zu können und nicht mehr zum Gerät oder Schalter laufen zu müssen. An zweiter Stelle steht in diesem Jahr das Thema Sicherheit. Damit sind primär die Security Systeme gemeint wie Alarm-,  Kamera- und Notfallsysteme. An dritter Stelle folgt der Wunsch nach Senkung der Heiz- und Stromkosten mit 38 Prozent. An der Stelle verspricht man sich sicherlich mehr, als man tatsächlich mit Smart Home Produkten erreichen kann. Aber das ist meine persönliche Meinung. Wenn Sie eine Heizung permanent hoch und runter drehen, dann bin ich mir unsicher, ob Sie tatsächlich Heizkosten sparen können.

 
Etwas abgeschlagen mit 20 Prozent steht der Wunsch nach zusätzlichen Entertainmentmöglichkeiten und Spaß bei der Nutzung.

 
Zusammenfassend kann man sagen: Zusätzlicher Komfort, zusätzliche Sicherheit und Senkung der Heiz- und Stromkosten sind die drei primären Gründe, die User als Mehrwert für Smart Home Lösungen angegeben haben.  

 
Welche Rolle spielen Datenschutz und Datensicherheit? Gibt es eine Sorge vor der so genannten Datenkrake „Smart Home“?

 
Die gibt es definitiv. Das Paradoxe ist, genau wie bei der Smartphone Benutzung auch, wenn dem Anwender eine coole App zur Verfügung steht und genutzt wird, dann rücken die Bedenken um den Datenschutz in den Hintergrund. Wenn aber Lücken im Datenschutz an die Oberfläche kommen, so wie bei Facebook vor einigen Monaten, dann sieht das ganze schon wieder anders aus.  Das Thema Datenschutz ist gerade deutschen Verbrauchern sehr wichtig. Wenn der Hersteller es aber schafft, die Sicherheit zumindest innerhalb seines Bereiches zu gewährleisten und mit den Daten auch sicher umgeht, sind User trotzdem bereit, mehr Daten mit dem Hersteller zu teilen, als ihnen in dem Moment vielleicht bewusst ist. Wenn sie heute zum Beispiel mit Amazon Alexa Lösungen arbeiten, dann fließen alle Daten in den USA über das Backend. Dessen muss man sich als Nutzer bewusst sein. Wenn der Komfort der Lösung überwiegt und die Nutzer die Anwendung im Alltag mögen, dann ist die Eintrittsbarriere in der Regel im Hinblick auf den Datenschutz sehr gering.
 
In der Studie wurde abgefragt, inwieweit die Deutschen bereit sind, Daten zu teilen. Die Frage geht in die Richtung der Nutzung von intelligenten Sprachsystemen oder Smart Home Lösungen, die über eine Cloud laufen und darüber geteilt werden. Die Umfrage ergab, dass aus Sicht der Konsumenten die Bereitschaft zum Teilen der Daten im Vergleich zu 2015 noch einmal deutlich gesunken ist. Im Jahr 2015 waren 35 Prozent der Befragten grundsätzlich nicht bereit, Daten zu teilen. Laut den aktuellen Zahlen sind dies nun 40 Prozent. 
Die Bereitschaft zum Teilen der Daten nur mit einem bestimmten Anbieter ist dagegen etwas gestiegen. Das zeigt, dass bestimmte, vertrauenswürdige Anbieter durchaus den Schutz und die Sicherheit der anfallenden Daten gegenüber den Verbrauchern vermitteln können.

 
Kann man grundsätzlich sagen, dass der Datenschutz die Entwicklung im Smart Home Bereich in Deutschland  ausbremst? Oder wäre das zu gewagt, dass zu behaupten?

 
Ich glaube, das ist zu weit hergeholt - Datenschutz ist immer ein Thema. Wenn Sie mit einem vernetzten Auto fahren, wenn Sie mit dem Handy online sind, bei Online-Banking - Datenschutz spielt immer eine wesentliche Rolle. Bei Smart Home Anwendungen spielt Datenschutz keine kleinere oder größere Rolle, als in anderen Anwendungsbereichen.

 
Wenn sie mich fragen, warum Smart Home generell nicht mehr durch die Decke geht, dann spielt sicher mehr die Transparenz der Lösungen und die Anbietervielfalt eine große Rolle. Es gibt eine große Menge Anbieter und die User stellen sich die Frage, wem sie letztlich vertrauen können. Ebenso stellt sich bei Anwendern die Frage, welche Lösungen ausbaufähig sind und mit der er zum Beispiel umziehen kann. Auch Nachrüsten der Smart Home Lösung ist ein großes Thema. Können verschiedene Hersteller miteinander kombiniert werden? Von wem stammt die Plattform, auf der ich aufsetze? Aus meiner Sicht nutzen die großen Anbieter von Smart Home Lösungen den Aspekt der Kaufempfehlungen über Freunde, Bekannte und Nachbarn noch zu wenig. Aber genau über die Weiterempfehlung entsteht das Interesse der künftigen Smart Home Nutzer und wird die Kaufentscheidung – vielleicht auch die Auswahl des Anbieters - getroffen. 
Darin sehe ich eine große Herausforderung des Marketings der Anbieter.

 
Welche Konzepte für die Bedienung und die Steuerung des Smart Home sind aktuell populär? Wie wichtig sind dabei intelligente Sprachassistenten?

 
Die Systeme der großen Internetkonzerne sind schon die, die im Augenblick am Markt am meisten wahrgenommen werden. Das ist auf der einen Seite gut, um das Thema populärer zu machen. Aber kleinere Player, die diese Marktmacht nicht haben und vielleicht die bessere Lösung anbieten, geraten dadurch etwas ins Hintertreffen. Da stellt sich die Frage: Wer hat das bessere Produkt und wer vermarktet sein Produkt besser?

 
Das Thema der Sprachsteuerung haben wir in unserer aktuellen Umfrage auch thematisiert. Im Ergebnis kann man festhalten, dass Sprachsteuerung durchaus gefragt ist, aber nicht in dem Umfang, wie man eventuell vermuten würde. Wir haben explizit gefragt, wie wichtig den Konsumenten die Bedienung über einen Sprachassistenten ist. Nur 12 Prozent der Befragten sind Sprachassistenten sehr wichtig, 25 Prozent der Umfrageteilnehmer ist es wichtig, dem Rest der Konsumenten ist eine Steuerung über Sprache eher unwichtig. In Summe sind es also nur 37 Prozent der Befragten, denen Sprachassistenz wichtig ist. Gleichzeitig haben wir gefragt, wie wichtig die Steuerung über das Smartphone bzw. das Tablet ist. Knapp 70 Prozent der Befragten nutzen diese Medien um ihre Devices zu steuern. Das ist soweit auch in Ordnung, aber die Bedienung von Smart Home Produkten über Apps ist derzeit noch deutlich gefragter.

 
Nicht nur die Produkte für Smart Home sind innovativ, auch die Dienstleistungen müssen sich möglicherweise wandeln. Wünschen die Konsumenten weitere Services oder Zusatzdienste? Und wie sollten sich die Unternehmen darauf einstellen?

 
Das ist in meinen Augen etwas wie das Henne-Ei-Problem. Den Usern fällt in Bezug auf neue Services gar nicht so viel ein. Sie schätzen vor allem, wenn die Services schnell, einfach und zielführend sind. Die Hersteller sind gezwungen proaktiv zu handeln.

 
Ein Beispiel dazu: Assisted Living – Unterstütztes und zum Teil betreutes Wohnen im Alter. Das Thema ist aufgrund der demografischen Veränderung der Bevölkerung gerade auch in Deutschland sehr aktuell. Ich denke, wenn die Firmen im Bezug darauf mit intelligenten Angeboten auf den Markt kommen, dann würden die User diese auch adaptieren. Ob die User allerdings selber auf die Idee kommen würden, das weiß ich nicht.
Anderes Beispiel dazu: Security-Lösungen. Sie zeigen zum Beispiel an, ob ein Fenster gekippt ist oder die Tür abgeschlossen ist. Das kaufen nicht unbedingt die User selber, sondern die Enkel für die Großeltern oder Kinder für ihre Eltern. An der Stelle wünsche ich mir mehr Kreativität der Firmen.

 
Firmen sollten sich nicht so sehr auf die Konsumenten verlassen, sondern mit eigener Kreativität und Innovation am Markt punkten. Das heißt nicht, Produkte, die nicht vom Markt angenommenen werden, mit Macht in den Markt zu drücken. Ich denke da vor allem an den Kühlschrank, der sich quasi von selber auffüllt. Das Beispiel begleitet uns nun schon 10 bis15 Jahre und ist nicht oder vielleicht noch nicht so richtig „durch die Decke“ gegangen.
Ganz wichtig bei allen Produkten ist: Je umfangreicher die Smart Home Lösung ist, desto wichtiger ist es, einen Service zu haben, den die Nutzer im Störfall anrufen oder auf andere Weise kontaktieren können. Wenn man beispielsweise nicht mehr ins Haus gelangen oder die Musik nicht mehr ausschalten kann, dann ist ein 24/7 verfügbarer Service unabdingbar.  Der Punkt der Unterstützung im Störfall ist aus meiner Sicht ein wesentlicher für die Akzeptanz im Markt. 

 
Wir leben in einer Zeit, in der viele Dinge geleast, finanziert oder gemietet werden. Wie stehen die Konsumenten von Smart Home Anwendungen dazu?  Aus Ihrer Sicht: Würden die Nutzer eher mieten oder kaufen?

 
Genau danach hatten wir in unserer Umfrage auch gefragt.
Im Augenblick wird der Einmalkauf, im Vergleich zum Abonnement oder Mietmodell, noch zu 65 Prozent bevorzugt. Das Ergebnis passt auch zu meiner Wahrnehmung. Ich kenne sehr wenige Mietmodelle. An der Stelle fehlt es der Branche noch an Kreativität. In der Automobilindustrie sieht das ganz anders aus. Wer kauft heute noch ein Auto? Früher war das ganz normal, dass ein Auto komplett im Einmalkauf bezahlt wurde. Heute gibt es über Firmenleasing, über spezielle Angebote ganz andere Möglichkeiten der Finanzierung.

 
Ich glaube, um Smart Home mehr in den Markt zu bringen und eventuell auch höherwertige Lösungen vermarkten zu können, müssen die Anbieter Finanzierungsmodelle stärker in Betracht ziehen.