Internationale Märkte – Go West!

Interview: Thomas Sauer
Director/Wirtschaftsprüfer, Deloitte GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

 

» Brexit-Referendum, US-Wahlen und der Putsch-Versuch in der Türkei: Das Jahr 2016 war von politischen Entscheidungen geprägt, deren Auswirkungen auch die wirtschaftliche Lage der Welt stark beeinflussen werden. Deloitte fängt in regelmäßigen Surveys die Grundstimmung der Chief Financial Officers (CFOs) deutscher Unternehmen ein. Wie lässt sich diese aktuell bewerten?

 
Es ist in der Tat so, dass der letzte Deloitte Survey vom Herbst 2016 / Frühjahr 2017 dies klar widerspiegelt. So haben etwa die Hälfte der befragten CFOs der deutschen Unertnehmen die geopolitische Entwicklung als Risiko wahrgenommen. Das ist seit fünf Jahren der höchste Stand dieser Einschätzung und dieser Risikofaktor ist damit der wichtigste geworden. Den zweitwichtigsten, der bisher immer dominierte - den Fachkräftemangel - haben nur 37 Prozent der CFOs als größten Risikofaktor gesehen. Man sieht hier deutlich die Verschiebung.

Vor allem sorgen sich die CFOs um den zunehmenden Protektionismus und eine stärkere populistische Wirtschaftspolitik. Darauf reagieren sie, indem sie ihre Risikomanagementsysteme anpassen. Das erste, was die Firmen dabei in Angriff nehmen, ist die Überprüfung ihrer Investitionspläne. 50 Prozent der Unternehmen überlegen sich, in welchen Gebieten der Welt sie aufgrund der geänderten Rahmenbedingungen investieren wollen. Und als zweites überprüfen sie ihre Lieferketten und passen diese gegebenenfalls an - das gaben etwa 35 Prozent der Unternehmen in unserer Studie an.

 
Trotz dieser gefährlicher werdenden Welt schätzen aber fast 96 Prozent der befragten CFOs die aktuelle Wirtschaftssituation als gut oder sehr gut ein.

 
» Das Label „Made in Germany“ genießt ein hohes Ansehen. Um ein Beispiel zu nennen: Deutsche Autos sind überall auf der Welt bekannt und beliebt. Aber genügt das allein, um künftig in der Weltwirtschaft zu bestehen?

 
Das Label „Made in Germany“ steht im Ausland seit vielen Jahrzehnten für Qualität und hohen Sicherheitsstandard und ist generell sehr robust - auch gegenüber kurzfristigen negativen Auswirkungen wie der Dieselaffäre. Allerdings muss man auch betonen, dass Sicherheit und Qualität in Zukunft kaum ausreichen werden, um in der Weltwirtschaft zu bestehen.

 

Es werden neue Faktoren hinzukommen - insbesondere die Innovation und der technologische Fortschritt. Gegenüber den USA, wo die Kultur der disruptiven Zerstörung gelebt wird, liegt die Qualität der deutschen Unternehmen stärker darin, Innovationen und Technologien langsam weiterzuentwickeln - wobei dies sehr unterschiedlich durch den Mittelstand und die großen Unternehmen realisiert wird. Auch die enge Zusammenarbeit in Deutschland zwischen Unternehmen, verschiedenen universitären Einrichtungen und Forschungsinstitutionen fördert die Innovationslandschaft.

 
Aber man muss auch gestehen, dass wir in Deutschland in den vergangenen Jahren in Bezug auf Digitalisierung und Breitbandausbau, WLAN, Internetzugang und ähnliches nicht mehr ganz so stark aufgestellt sind und uns viele Länder überholt haben. Ebenso müssten wir bei der Förderung von Start-ups wieder deutlich zulegen, um das Label „Made in Germany“ mit neuem Glanz zu versehen.

 
» Die digitale Transformation kann nur gelingen, wenn Start-ups mithilfe von cleveren Finanzierungsmodellen Innovationen entwickeln. In den USA und auch im asiatischen Raum scheint dies einfacher zu sein als in Europa. Worin liegen die Gründe?

 
Zum einen ist in Deutschland das Volumen an Wagniskapital viel geringer als beispielsweise in den USA oder Japan. Das hängt mit steuerlichen und gesetzlichen Regelungen zusammen, da in Deutschland diese Art von Investitionen nicht gefördert wird.

 
Zum anderen ist es meines Erachtens auch eine psychologische Komponente, dass wir hier in Kontinentaleuropa und speziell in Deutschland seit Bismarck nicht so sehr dem Risiko frönen, sondern mehr an Sicherheit denken. Dadurch wird es immer schwer sein, bei uns eine vergleichbare Wagniskapitalbereitschaft herzustellen wie in anderen Regionen der Welt.

 

» Welche Lösungen sehen Sie, um die Wagnisbereitschaft und damit auch die Innovationskraft hierzulande künftig voranzutreiben?

 

Ich denke, die Voraussetzungen sind hier in Deutschland gar nicht so schlecht. Wir haben sehr gutes Personal, die Ausbildung ist an den meisten Universitäten sehr gut und das Kapital ist grundsätzlich vorhanden. Allerdings sollte man diese Themen stärker von Regierungsseite aufgreifen - möglicherweise in einem neuen Koalitionsvertrag nach der Bundestagswahl festlegen - und dann auch aktiv fördern. Das erfolgt momentan leider noch gar nicht.

 

Interessant wäre hier auch eine Art Venture Capital Gesetz, welches internationalen Geldgebern vereinfacht, in deutsche Start-ups zu investieren. Die Vernetzung der Welt wird immer größer. Da wäre es sinnvoll, wenn auch nichtdeutsche Geldgeber in deutsche Start-ups investieren könnten und dies gefördert würde durch Steuererleichterungen, Risikoinvestitionen, Kleinanlegerschutzgesetze und ähnliches. Und natürlich sollten die Gründungsjahre ein wenig „entbürokratisiert“ werden.

 
Ingesamt denke ich, dass wir gar nicht so viele Reglementierungen benötigen. Nur die Rahmenbedingungen sollten sich etwas  verbessern. Damit würde sich von alleine ergeben, dass mehr Menschen bereit sind, ein höheres Risiko einzugehen.

 
» Die Sorge vor populistisch motivierter Wirtschaftspolitik in den wichtigen Weltmärkten steigt. Wovon gehen Ihrer Meinung nach aktuell die größten Risiken aus, denen sich deutsche Unternehmen stellen müssen?

 
Das Stimmungsbild in der Wirtschaft zeigt, dass wir alle den zunehmenden Protektionismus befürchten und - was noch dramatischer ist - die Unberechenbarkeit von populistischer Wirtschaftspolitik. Diese Unberechenbarkeit schadet der Wirtschaft und den Unternehmen am meisten.

 
Eine EU-feindliche Stimmung, die mal mehr und mal weniger auftritt, führt letztlich dazu, dass es mehr Kompromisse geben muss zwischen nationalen Egoismen und dem europäischen Gedanken. So ist zwar meines Erachtens rein theoretisch ein  Auseinanderbrechen der EU möglich, aber das halte ich für sehr unwahrscheinlich.

 

Der Trend, den wir in der EU in den letzten zwei Jahrzehnten hatten zur Vorhersehbarkeit der großen Volkswirtschaften, ist vorbei. Wir müssen uns jetzt auf instabilere Situationen einstellen.

 
» Die Risiken sind bei CEOs und CFOs also zumindest teilweise bekannt. Politisches Risikomanagement gewinnt zunehmend an
Bedeutung. Welche Herausforderungen muss die deutsche Wirtschaft meistern, um im weltweiten Vergleich wettbewerbsfähig zu
bleiben?

 
Zum einen haben wir immer wieder das Thema von schwankenden, aber tendenziell steigenden Rohstoffpreisen. Das ist für unsere Wirtschaft enorm wichtig. Dann sehe ich auch nach wie vor einen sich verstärkenden Wettbewerb durch Entwicklungs- und Schwellenländer, die ihre Produkte in Zukunft verstärkt anbieten.

 
Zudem haben wir bei uns aufgrund des demografischen Wandels mit dem rückgehenden Arbeitskräftepotenzial zu kämpfen und  vor allem mit dem Problem, neue begeisterte und engagierte junge Leute zu finden. Und zum anderen existiert ein riesiger Investitionsbedarf. Wahrscheinlich wird es immer wieder neue Geschäftsmodelle geben, die noch dynamischer und schneller Produkte und Dienstleistungen anbieten. Darauf gilt es sich in Zukunft einzustellen.

 
» Digitalisierung ist der Wachstumsmotor der Zukunft. Aber vor allem über die wirtschaftliche Zukunft der Europäischen
Union herrscht aktuell große Uneinigkeit. Welche vielversprechenden Perspektiven sehen Sie für Europa?

 
Wenn man es aus der Perspektive der Bedrohungssituation sieht, lässt sich sagen: Da unsere innere und äußere Sicherheit durch Terroranschläge bedroht ist, haben viele Bürger in den Mitgliedsländern der EU erkannt, dass nicht ein Staat darauf reagieren kann, sondern dass man sich in einer größeren Institution - und das kann ja bei uns nur die EU sein - viel sicherer fühlt.

 

Ich denke, auch der Brexit und die vielen Diskussionen darum macht vielen nach der Entscheidung klar, wie wichtig die EU für unser Zusammenleben ist und wie einfach es ist, mit einer Währung zu leben, nicht mehr so viele Zölle zu haben und gemeinsam gegen Bedrohungen vorgehen zu können.

 
Natürlich bleibt festzuhalten, dass wir in den verschiedenen Teilen der EU unterschiedliche Wachstumsstärken haben und dass es nach wie vor einen gewissen Nationalismus gibt. Aber ich glaube, dass mittlerweile vielen klar ist, dass dies unser gemeinsamer Lebensraum ist. Für die Wirtschaft bedeutet das, dass es einfacher wird, in Zukunft in Italien, Frankreich oder Irland eine Betriebsstätte zu gründen, sich untereinander auszutauschen, Personal hinzuschicken und insgesamt besser in der EU vernetzt zu sein.

 
Die Welt wächst zusammen und mithilfe neuester Technik können alle Mitarbeiter an Projekten zusammenarbeiten - egal, wo auf der Welt sie gerade sitzen.

 
» Trotz der bekannten „Gefahren“ lässt sich also festhalten: Entscheider in der Wirtschaft werden wieder mutiger, strategische Risiken einzugehen, um ihre Unternehmen voranzubringen. Damit deutet sich ein Paradigmenwechsel in deutschen Führungsetagen an. Wagen Sie einen Blick in die Kristallkugel: Wo wird Deutschland in zehn Jahren stehen?

 
Entscheidungen müssen heutzutage mit immer höherer Geschwindgkeit getroffen werden. Sowohl im privaten als auch  wirtschaftlichen Bereich rollt eine wahnsinnige Informationsflut auf uns zu, die wir verarbeiten müssen. Das führt meines Erachtens zu einer extrem erhöhten Dynamik. Ob im Bereich Finanzen, Ökologie oder Demografie - unsere Zukunft wird extrem durch Wandel und Umbrüche geprägt sein.

 
Branchengrenzen werden immer stärker abgebaut und die Interdisziplinarität etwa zwischen Technik und Gesundheit wird gestärkt. Auch die physische und soziale Welt wird auch immer weiter miteinander vernetzt werden. Nachhaltigkeit ist seit ein paar Jahren ein Thema, dass sicher noch weiter in den Fokus rücken wird.

 
Unser gesamtes Leben wird viel stärker vernetzt werden. Aus Sicht der Wirtschaft wird es immer kundenspezifischere Lösungen geben und die Rolle des Kunden wird als Innovator deutlich zunehmen. Das Thema disruptive Innovationen wird eine größere Rolle spielen, das heißt, neue Technologien werden jene ersetzen, die wir liebgewonnen hatten. Wir müssen uns ständig umstellen, unsere Kinder und Enkelkinder werden Sachen machen, die wir bisher nicht kannten.

 
Ich denke, viele Dinge werden noch gar nicht prognostizierbar sein. Wenn sich Ideen zur Automatisierung des Verkehrs, zur personalisierten Medizin oder Selbstdiagnosen anhand von Chips, künstlicher Intelligenz und dem Internet der Dinge durchsetzen, wird dies dramatisch unser Leben beeinflussen. Heute können wir noch nicht wissen, ob wir dem gewappnet sind und wie wir dies händeln sollen. Das wird eine spannende Frage der Zukunft sein.

 
» Und wo wird Deutschland seinen Platz in der Weltwirtschaft finden?

 
Ich gehe davon aus, dass Deutschland nach wie vor unter den ersten fünf Industrienationen stehen wird. Die Ausgangsbasis ist sehr gut und aufkommende Probleme werden immer wieder erkannt. Es wird sicher einige Staaten geben, die aufgrund ihrer demografischen Entwicklung und ihres Technikfortschritts mit aufschließen werden zu den führenden Industrienationen. Aber ich glaube nicht, dass Deutschland in diesem Ranking spürbar nach hinten fallen wird.